Mirjam Pressler
1940 - 2019
1. Leben: Die Kindheit
Mirjam Pressler kam 1940 als Kind einer unverheirateten Mutter in Darmstadt zur Welt. Sie wuchs in Pflegestellen und Heimen auf. Ihre Kindheit war geprägt von Gewalt, Einsamkeit, Hunger und bitterer Armut.

„… ich wuchs in einer Umgebung auf, in der Mangel vorherrschte, Mangel an Nahrung und Wärme, an Zuneigung, an Sprache, eine Umgebung, die ich in meinem Buch „Novemberkatzen“ darzustellen versucht habe.“
In diesen widrigen Umständen wurde sie zur Kämpferin. Ihre Strategie bestand darin, sich ihre eigene Welt zu schaffen, in Worten und in Bildern. Schon als Kind fand sie in Büchern eine bessere Welt und dachte sich selbst Geschichten zum Einschlafen aus.
„Wie viele Kinder, die unter schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen, litt ich an Einschlafschwierigkeiten, die ich jahrelang damit bekämpfte, dass ich mir abends im Bett Fortsetzungsgeschichten erzählte. Es waren Schauergeschichten mit vielen unerklärlichen Abenteuern, in denen es aber immer um Wesentliches ging, um Liebe und Tod nämlich. Immer siegte das Gute und das Böse wurde umgebracht. Diese Methode des Erzählens perfektionierte ich so sehr, dass ich, wo ich ging und stand, in der Lage war, sie weiterzuführen, mit offenen Augen, die aber in eine andere Welt schauten.“
2. Leben: Die junge Erwachsene
Als Jugendliche entdeckte sie ihre Liebe zur Kunst. Sie bewarb sich mit 16 Jahren bei der renommierten Städleschule in Frankfurt und studierte dort von (1958 – 1959) zwei Jahre freie Grafik und freie Malerei. Dann lernte sie ihren späteren Ehemann Jehuda Pressler kennen und zog 1960 zu ihm nach München.
„Im Nachhinein ist mir klar, dass ich das Bild zur Illustration des Wortes benutzt habe, nie umgekehrt. Das Bild war nie ein Wert an sich, ich habe es nur nicht erkannt. Ich habe also Kunst studiert.“

Es folgte ein längerer Aufenthalt in einem Kibbuz in Israel und 1963 dann die Hochzeit mit Jehuda. Die beiden bekamen drei Töchter: Ronit (1966), Gila (1967) und Tall (1969). Nach der Trennung 1970 zog sie die Kinder alleine auf. In der Zeit betrieb sie einen Jeansladen, arbeitete dann in einem Büro, bevor sie 1980 mit dem Schreiben begann.
3. Leben: Die Autorin und Übersetzerin

Das erste Buch, „Bitterschokolade“, schrieb sie heimlich, nachts. Nur Ronit als die Älteste war eingeweiht. So wurde sie mit 14 Jahren die erste Lektorin und hat jeden Tag nach der Schule die neuen Seiten korrekturgelesen. Für „Bitterschokolade“ wurde Mirjam Pressler mit ihrem ersten Preis ausgezeichnet, dem Oldenburger Jugenliteraturpreis. Von da an hat sie das Schreiben nicht mehr losgelassen. Es folgten schnell hintereinander mehrere Jugendbücher, später auch Kinderbücher und zwei Krimis.
„Fast zwei Drittel meines Lebens glaubte ich, ich könnte durch gemalte Bilder, durch die Bildende Kunst, das Kind in meinem Inneren erlösen, mein sprachloses Wolfskind, das mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Aber Formen und Farben reichten nicht aus, es trieb mich so lange weiter, bis ich ihm endlich eine Sprache gab. Auch heute treibt mich dieses Kind noch oft genug vorwärts mit seinen unstillbaren Sehnsüchten und seinem Hunger nach etwas, was es selbst nicht kennt. Oft genug bin ich überrascht davon, wohin es mich geführt hat, oft genug hadere ich auch mit ihm, fordere es auf, mich endlich in Ruhe zu lassen und mir nicht immer Steine in den Weg zu legen. Aber was wäre ich ohne diese Steine? Was wäre ich ohne meine Versuche, ihnen auszuweichen? Und wäre ich überhaupt in der Lage, Sprache so auszukosten, wenn ich nicht einmal das sprachlose Kind gewesen wäre?“
1983 erhielt Mirjam Pressler die Anfrage, ob sie ein Buch aus dem Niederländischen Übersetzen könne. Sie sagte zu, kaufte sich einen Selbstlernkurs und übersetzte das Buch. Es folgten zahlreiche Übersetzungen aus dem Niederländischen, später auch aus dem Hebräischen, Englischen, Flämischen und aus Afrikaans. Die Sprachkenntnisse hatte sie sich autodidakt angeeignet.
Die Tagebücher der Anne Frank
1987 erhielt Mirjam Pressler den Auftrag für eine Neuübersetzung des „Tagebuch der Anne Frank“. In den folgenden Jahren beschäftigte sie sich intensiv mit Anne Frank und der Familiengeschichte der Franks. In dieser eit veröffentlicht sie neben dem „Tagebuch der Anne Frank“ auch die kritische Gesamtausgabe, die Biographie „Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank.“ und „Grüße und Küsse an alle“.

„Als Autorin habe ich jüdische Themen erst gemieden. Bis Anne Frank kam. Der S. Fischer Verlag wollte, dass ich die Tagebücher übersetze, und natürlich habe ich sofort Ja gesagt, denn das war ja eine Ehre. Die Beschäftigung mit ihr und ihrer Familie hat mich verändert.“
„Für mich ist das Übersetzen nicht nur eine der schönsten, sondern auch eine der wichtigsten Tätigkeiten, die es gibt. Bücher aus fremden Ländern bauen Fremdheiten ab, wir erweitern durch sie unseren Horizont.“
Das literarisches Lebenswerk von Mirjam Pressler umfasst rund 40 Bücher sowie 350 Übersetzungen. Sie starb 2019 nach langer Krankheit an ihrem Krebsleiden. Ihr letzter Roman „Dunkle Gold“ erschien posthum.